Almost Human (Short Story)
Diese Kurzgeschichte wurde in der Anthologie "Schluss Striche" gedruckt: https://amzn.to/3XXVbuv
In der kleinen Seitenstraße roch es nach abgestandenem Fett und verfaultem Fleisch. Ich stand neben einer Metzgerei, in der frittierte Schafsköpfe in den Theken lagen und abgehackte Schweinefüße von der Decke hingen. Eine Stadt muss stinken. Wenn sie es nicht tut, dann ist sie nicht ehrlich und hat etwas zu verbergen. Paris stinkt. Nach abgestandenem Fett, nach frittierten Schafsköpfen, abgehackten Schweinefüßen, nach Urin und billigem Parfüm. Aber es ist eine ehrliche Stadt.
Ich merkte, wie mir der Alkohol zu Kopf stieg und in mir das Verlangen aufkam, weiter zu trinken. Alleine. Ab sofort würde ich alles alleine machen. Alleine durch die nach Urin stinkenden Gassen spazieren und darüber nachdenken, dass Paris eine ehrliche Stadt ist. Mich alleine betrinken und auch alleine verrecken, um dann im Alleingang sechs Meter unter der Erde zu vergammeln. Vielleicht sind manche Menschen gar nicht dafür geschaffen zu zweit zu leben. Vielleicht bin ich eine Art genetische Mutation, sowas wie evolutionärer Abfall – unfähig, eine funktionierende Beziehung zu einem anderen Menschen aufzubauen. Noch mehr von meiner Sorte und die Menschheit kann sich bald von dem grünen Planeten verabschieden.
Viele Touristen besuchten den Eiffelturm, machten heimlich Fotos von der Mona Lisa im Louvre oder kauften sich einen überteuerten Eiffelturm-Schlüsselanhänger von den vielen nervigen Eiffelturm-Schlüsselanhänger-Verkäufern. Aber für mich gab es nur einen wahren Ort, der das Pariser Leben widerspiegelte. Es waren die zahlreichen Wettcafés, die sich in den engen Gassen versteckten.
Dabei waren alle Wettlokale gleich aufgebaut: Der vordere Teil bestand aus einer Tabaktheke, in der Mitte befand sich die lange Bar und im hinteren Teil standen große Bildschirme, auf denen Pferde- und Hunderennen übertragen wurden. Dicht daneben befanden sich Automaten, an denen man seine Einsätze festlegen konnte.
Es roch nach Zitrus-Reinigungsmittel, Zigarettenrauch und menschlichen Problemen. Probleme, die zum Leben dazugehörten und nicht wegzudenken waren. Das ist das wahre Leben. Ich kaufte mir drei Rubbellose, setzte mich an die Bar und bestellte ein großes Kronenbourg 1664. Und während auf den Bildschirmen gerade ein Pferderennen aus Dubai übertragen wurde, fiel mir auf, dass ich eigentlich den Grund dafür nicht kannte, warum wir uns wieder mal gestritten hatten. Aber der Streit war wie ein Tornado, der durch ein Dorf zog. Kurz, intensiv und zerstörerisch. Sie war kompliziert und in mir kam der Gedanke hoch, dass ich ohne sie besser dran wäre. Ja, ohne sie wäre mein Leben einfacher. Keine sinnlosen Diskussionen mehr, keine nervenzehrenden Streitereien. Ich konnte endlich meine Socken auf der ganzen Welt verteilen oder mich in der Kneipe bis zur Besinnungslosigkeit betrinken. Ich hatte endlich meine Ruhe und konnte tun und lassen, was ich wollte.
Ich hatte das Bier bereits, ohne es zu merken, ausgetrunken. Bestellte noch eins und rubbelte die Lose frei. Das Kronenbourg 1664 kam, ich zerriss die Nieten und steckte sie in meine Gesäßtasche.
Mit dem restlichen Geld kaufte ich Wettscheine für das bevorstehende Pferderennen. Ich setzte fünf Euro auf Bounty Boy und zehn auf Almost Human. Der Automat spuckte mir die Wettscheine aus, ich hob sie in die Luft und hoffte, dass das Sprichwort „Pech in der Liebe. Glück im Spiel“ sich bewahrheitete. Die Männer, die sich um den großen Bildschirm versammelten, waren etwas älter und fast alle arabischer Abstammung. Sie hielten ihre Wettscheine fest in der Hand und versuchten den Nebenmann davon zu überzeugen, dass sie wüssten, wer das Rennen machen würde. In dem undeutlichen Gerede hörte ich den Namen Almost Human und setzte mich zufrieden wieder auf meinen Barhocker.
Ich hatte in den letzten Tagen in Paris so viel getrunken, dass die zwei Biere einfach keine Wirkung zeigten. Es musste etwas Stärkeres her. Zur Feier meiner neu erlangten Freiheit und auf den Sieg von Almost Human und Bounty Boy.
Wir hatten beinahe täglich Streit. Wegen den banalsten Dingen. Sie wusste, wie man mich provozieren konnte und obwohl ich mich eigentlich eher als ruhig bezeichnen würde, geriet ich jedes Mal in einen unkontrollierten Wutausbruch, sodass ich mich am Ende selber nicht mehr wiedererkannte. Aus irgendeinem Grund entschieden wir uns, die Beziehung nicht zu beenden, sondern nach Paris zu fahren. In der naiven romantischen Vorstellung, dass die Stadt der Liebe aus unerklärlichen Gründen unsere Wunden heilen würde.
Parallel zum Startsignal trank ich den ersten Wodka-Shot. Die Pferde stürmten aus ihren Startboxen und bogen im Schwarm um die erste Kurve. Ich schnappte nach dem zweiten Shot und drängelte mich näher an den Fernseher, um meine Schützlinge besser zu beobachten. Almost Human mit der Nummer fünf konnte ich nicht erblicken, aber dafür Bounty Boy mit der Nummer 12 umso besser. Man konnte ihn nicht übersehen. Das Pferd mit dem grünen Jockey galoppierte als letztes hinter dem Schwarm her. Selbst wenn er in der finalen Phase mehr als 100 Prozent geben würde, hätte er es wohl nicht aufs Treppchen geschafft. Ich trank den Wodka und der bittere Geschmack überflutete meinen Gaumen. Ich musste kurz innehalten und mit einem leichten Würgereflex kämpfen. Die Pferde gingen in die letzte Kurve. Langsam trennte sich die Spreu vom Weizen. Bounty Boy bildete nach wie vor das Schlusslicht und auch weitere Pferde fielen zurück. Drei Pferde stachen hervor und kämpften um die Spitze. Und einer davon war mein Almost Human mit der Nummer fünf. Ich umklammerte meinen Wettschein und fixierte die Pixel auf dem Bildschirm. Die Männer neben mir fluchten, schrien, jubelten. Eins der Pferde löste sich aus der mittleren Traube und schoss mit einer überraschenden Energie nach vorne. Almost Human kämpfte, kam aber gegen den neuen Konkurrenten nicht an. Er ließ nach und wurde von der mittleren Gruppe von Pferden verschluckt.
Verdammte Scheiße. Ich ging zu meinem Platz zurück, zerriss die beiden Wettscheine, steckte sie zu den bereits zerrissenen Nieten in meine Gesäßtasche und bestellte weiteren Wodka und ein kleines Bier.
Man stellt sich schreckliche Situationen immer anders vor und wenn sie eintreten, dann wundert man sich im Nachhinein, dass alles doch ganz anders war. Ich war davon überzeugt, dass ich auf solche Ereignisse sofort mit Schock, Angst und Verzweiflung reagieren würde. Aber die Wahrheit ist, dass ich zu dem Zeitpunkt nicht fähig war, diese Emotionen zu spüren. Aber nicht aus Gleichgültigkeit oder Desinteresse, sondern weil ich mich in einer Art Starre befand.
Überall besorgte Gesichter, lange Stirnfalten. Sinnloses Durcheinandergerede. Ich drehte mich zum Bildschirm, wo vor wenigen Augenblicken noch der Jockey des Siegerpferdes interviewt worden war. Nachrichten-Bilder. Bilder von einem Stadion. Einer Bar. Polizeisirenen. Erst als der Wirt die Tür verschloss, setzten sich die Puzzleteile in meinem Kopf zusammen. Die Starre löste sich langsam und das Adrenalin schoss durch meinen Körper, sodass ich für einen Augenblick das Gefühl hatte, wieder nüchtern zu sein.
Auf der Textspur, die unter den Bildern lief, konnte ich alles nachlesen. Attaques en serie dans Paris. Terroranschlag in Paris. Am Stade de France Stadion, im Bataclan Theater, in Bars und Restaurants im 10. und 11. Arrondissement.
In einer Bar im 10. Arrondissement. Genau das war der Ort, an dem wir uns gestritten und getrennt hatten. Mit Mühe versuchte ich, den Touch-Screen meines Handys zu bedienen. Ein leichter Schweißfilm bildete sich auf meinen Fingerspitzen und ich brauchte drei Anläufe, um ihre Nummer zu wählen – Mailbox. Ich hielt einen Augenblick inne und wählte erneut ihre Nummer, in der Hoffnung, dass sich am Ergebnis irgendetwas ändern würde.
„Bleibt hier“, sagte der Wirt, als ich die Tür ergriff, „hier ist es sicherer als auf den Straßen“. Aus irgendeinem Grund machte mich das aggressiv, ich riss demonstrativ und mit voller Wucht die Tür auf und rannte auf die Straße.
Ein furchtbarer Gedanke hat die Macht, den stärksten Menschen in die Knie zu zwingen. Wie ein Tumor verbreitet er sich im Inneren und frisst einen auf. Natürlich, der Akku ihres Handys könnte leer sein. Das passiert ihr öfters. Vor allem, weil wir den ganzen Tag unterwegs waren. Dieser Gedanke war mehr als logisch. Aber er brachte mir nichts, denn mein Gehirn war fest davon überzeugt, dass die andere Variante der Wahrheit entsprach.
Das Erste, was mir auffiel, als ich die leeren Pariser Straßen in dieser Nacht betrat, war der Geruch. Er existierte praktisch nicht. Entweder spielte mein Geruchssinn mir einen Streich oder es war tatsächlich so, dass all der Gestank plötzlich verschwunden war. Es lag etwas Steriles in der Luft. Etwas Unpersönliches. Selbst als ich an einer Metzgerei vorbeiging – nichts. Kein Geruch von abgestandenem Fett, frittierten Schafsköpfen oder Schweinefüßen.
Ich irrte durch die gottverlassenen Straßen und musste an ihren Geruch denken. Sie duftete nach den neuesten Parfüms, aber es war mehr als das. Jede dieser Duftkreationen würde an einer anderen Frau komplett anders riechen. Sie verlieh den Parfüms die letzten zehn Prozent zur Perfektion. Genau die zehn Prozent, die die Parfümeure nicht erreichen konnten, weil ihnen eine wichtige Zutat fehlte. Ich glaube es liegt viel Wahres darin, wenn ich sage, dass meine Nase sich als Erstes in sie verliebt hatte.
Die Abwesenheit der Menschenmengen, gepaart mit der lauten Stille, ließen mich die Straßen kaum wiedererkennen.
Zwei Frauen kamen um die Ecke und gerade als ich sie etwas fragen wollte, wechselten sie im schnellen Tempo die Straßenseite und verschwanden in einer engen Gasse.
Der Gedanke, dass ich ab sofort nur noch Parfüms riechen würde, die so riechen, wie sie irgendjemand konzipiert hatte, löste in mir eine kleine Panikattacke aus und ich rannte los. In der Hoffnung, den Gedanken abzuschütteln wie einen lästigen Verfolger.
Nach etlichen Minuten kam ich zum Stehen. Meine Lunge brannte – mein Magen drehte sich. Die Übelkeit stieg in mir hoch und ich schaute auf meine App, die mir verriet, dass ich jetzt in der Nähe der Bar war, in der wir uns gestritten hatten. Ich stand an der sonst so stark befahrenen Straße. Doch die einzigen Autos, die mit vollem Tempo an mir vorbeirasten, waren Polizeiautos mit heulenden Sirenen.
Ein Mann stand unweit von mir und beobachtete das farbenfrohe Spektakel, das viel harmloser wirkte als seine Ursachen. Ich blickte in seine Augen und sah einfach nur eine tiefe Leere. Bis dahin hatte ich so etwas noch nie in meinem Leben gesehen. Jedem Menschen kann man seine emotionale Situation ansehen. Egal wie sehr er versucht seine Stimmung zu verbergen. Doch in den Augen dieses Mannes war nichts davon zu erkennen. Es war beinahe so, als würde ich durch ihn hindurch blicken. Als würde er schlichtweg nicht existieren.
Panisch suchte ich nach der Bar und versuchte mich an den Namen zu erinnern. In einigen der Bars waren noch Leute, andere wiederum waren leer und bereits verschlossen. Ich ging die Straße entlang und blickte die Logos und Terrassen der Brasserien an, in der Hoffnung, die richtige zu finden. Doch mein Blickfeld wurde plötzlich unscharf und erst jetzt bemerkte ich, dass meine Augen feucht waren.
Überraschenderweise schossen mir nicht Bilder von unserem ersten Date oder unserem ersten Kuss in den Kopf, sondern ganz banale und kleine Dinge. Dass sie zum Beispiel ihre Nase immer rümpfte, wenn sie das Glas zum Mund führte. Dass sich in unserem Küchenschrank komplett unterschiedliche Gläser befanden, da wir die Angewohnheit hatten, Gläser aus Gaststätten zu klauen und sie stolz sammelten. Dass unser Toaster nicht richtig funktionierte, aber wir ihn trotzdem behielten, da wir ihn bei einem Gewinnspiel gewonnen hatten und er unsere Trophäe war. Dass in unserer Küche nur so viele Bilder hingen, weil ich die komplette Wand mit der Bohrmaschine ruiniert hatte. Das war unser kleines Geheimnis. Dass sie mir die Augenbrauen zupfte. Auch das war unser Geheimnis.
Mitten in meinen wirren Gedanken erblickte ich den Namen einer Brasserie. Le Petit Chat. Das war es. Das war das Café, in dem sich unsere Wege getrennt hatten. Ich rannte darauf zu und die Tatsache, dass an den Scheiben keine Einschlusslöcher waren, löste in mir Erleichterung aus. Doch sie hielt nicht lange an, denn der Gedanke, der mich wieder in Anspannung versetzte, lauerte, wie immer, direkt um die Ecke: Was ist, wenn sie die Bar ebenfalls verlassen hat und in eine gegangen ist, in der die Schüsse gefallen sind.
Ein Polizeiauto fuhr mit leuchtenden Sirenen vorbei und tauchte das Logo in blaurotes Licht. In der Bar waren alle Lichter ausgeschaltet. Die Stühle waren bereits auf die Tische gestellt worden und nur der Wirt saß an der Theke und trank alleine Whisky. In der Ecke hing ein kleiner Fernseher, in dem Nachrichten-Bilder ohne Tonspur liefen. Er blickte mich unbeeindruckt an und schenkte sich noch ein Glas ein.
Sie war also weitergezogen und hatte sich somit in Gefahr gebracht. Ich ging wieder auf die Straße und blickte in den Nachthimmel, der mir noch schwärzer erschien.
Plötzlich stoppte ich. Die sterile und anonyme Luft hatte wieder einen Duft angenommen. Es ist ein Duft, der all die erdrückenden Gedanken im Nu auflöste. Es ist die Duftnote von einem teuren Parfüm. Und in dieser Note lag etwas Unberechenbares, etwas, das nicht reinzupassen schien, aber genau die richtige Zutat war. Den Beginn machte eine süßliche Note, die, je länger man sie um sich hatte, herbere Nuancen annahm. Das Süß-Herbe verwandelte sich langsam in eine fruchtige Duftnote, die immer dominanter wurde. Aber neben dieser Dominanz existierten noch weitere, viel feinere Nuancen, die sich alle perfekt ergänzten. Diese Duftkreation bahnte sich ihren Weg durch die Nase direkt ins Gehirn, wo sie ihre volle Wirkung entfaltete. Berauscht wie von einer Droge fiel ich in einen Zustand der Entspannung.
Ich drehte mich um und sah sie, wie sie in einem Hauseingang stand. Eingewickelt in eine Decke, die sie von der Brasserie-Terrasse hatte. Sie fror und blickte mich an.
Ein Polizeiauto fuhr an uns vorbei und ich atmete ihren Duft so tief ein, wie ich nur konnte.

